Emotionsarbeit in der Pflege: Zwischen Nähe und Distanz
In der Pflege ist Emotionsarbeit ein zentraler Bestandteil des beruflichen Alltags. Pflegende stehen in engem Kontakt mit den Pflegebedürftigen und müssen nicht nur ihre eigenen Emotionen regulieren, sondern auch gezielt Einfluss auf die Gefühle der betreuten Personen nehmen. Dabei geht es um den Aufbau von Vertrauen, das Erzeugen von Sicherheit und das Einfühlen in die emotionale Lage der Pflegebedürftigen. Gleichzeitig müssen sie sich vor emotionaler Überlastung schützen, um langfristig arbeitsfähig zu bleiben.
Ein besonderes Spannungsfeld ergibt sich aus der Balance zwischen Nähe und Distanz. Während die Pflegebedürftigen in stationären Einrichtungen oft auf die Pflegenden als wichtigste soziale Bezugspersonen angewiesen sind, sehen diese die Beziehung meist als beruflich begrenzte Interaktion. Daraus entstehen komplexe Beziehungsdynamiken, die sowohl positive als auch herausfordernde Aspekte mit sich bringen. Einerseits können enge, vertrauensvolle Beziehungen die Pflege erleichtern und zu einer besseren Lebensqualität der Pflegebedürftigen beitragen. Andererseits kann eine zu große emotionale Nähe zu Überforderung, Abhängigkeit oder auch Eifersucht unter den Bewohnerinnen und Bewohnern führen.
Pflegende müssen täglich mit verschiedenen emotionalen Herausforderungen umgehen. Dazu gehören nicht nur der Kontakt mit leidenden oder sterbenden Menschen, sondern auch die Erwartung, stets freundlich, geduldig und verständnisvoll zu agieren. Dabei ist es entscheidend, professionelle Distanz zu wahren, um nicht von den eigenen Emotionen überwältigt zu werden. Gleichzeitig dürfen die Pflegebedürftigen nicht das Gefühl haben, dass ihre Gefühle und Bedürfnisse ignoriert werden.
Ein weiteres Problem entsteht durch unterschiedliche Erwartungen an die Rolle der Pflegenden. Während die Pflegebedürftigen oft eine intensive persönliche Zuwendung wünschen, müssen die Pflegenden ihre Zeit und Energie auf viele Personen verteilen. Zudem erwarten Arbeitgeber, dass sie trotz hoher emotionaler Belastung stets professionell auftreten. Dies kann zu inneren Konflikten und Stress führen, insbesondere wenn die eigenen Gefühle unterdrückt oder kontrolliert werden müssen.
Um die Herausforderungen der Emotionsarbeit zu bewältigen, entwickeln Pflegekräfte verschiedene Strategien. Dazu gehört der bewusste Wechsel zwischen professioneller Nähe und emotionaler Distanz, um sowohl den Pflegebedürftigen gerecht zu werden als auch sich selbst zu schützen. Wichtig ist auch der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen sowie die Möglichkeit, belastende Erfahrungen zu verarbeiten. Supervisionen, Schulungen und eine unterstützende Teamkultur können helfen, die emotionale Belastung zu reduzieren und die Qualität der Pflege zu verbessern.
Emotionsarbeit ist in der Pflege unausweichlich und entscheidend für die Qualität der Betreuung. Die Balance zwischen Nähe und Distanz stellt eine besondere Herausforderung dar, die professionell gemeistert werden muss. Pflegende benötigen Strategien, um ihre eigene emotionale Gesundheit zu schützen und gleichzeitig eine vertrauensvolle Beziehung zu den Pflegebedürftigen aufrechtzuerhalten. Langfristig können gezielte Schulungen und ein unterstützendes Arbeitsumfeld dazu beitragen, dass Emotionsarbeit erfolgreich und nachhaltig geleistet wird.
Abb.: Emotionsarbeit in der Pflege
Quelle:
Schmedes, Cornelia (2021): Emotionsarbeit in der Pflege. Beitrag zur Diskussion über die psychische Gesundheit Pflegender in der stationären Altenpflege. Wiesbaden: Springer Fachmedien.